Ihr Mitarbeiter (ich weiß leider nicht seinen Namen) hat mir empfohlen, mich Ihnen
schriftlich vorzustellen, um Ihnen ein wenig über mich selbst und auch über meine Anliegen und Absichten mitzuteilen: Mein Name ist Friederike Gramsl und ich bin am 1. 3. 1943 als vorletzte
von 5 Schwestern geboren. Ich stamme aus einer einfachen, um nicht zu sagen, sehr armen Familie. Mein Vater arbeitete bei der Bahn, meine Mutter war Hausfrau.
Ich galt als Kind als besonders
talentiert und intelligent, war aber nicht nur so "ruhig und brav", wie es den Anschein hatte, sondern versuchte schon sehr früh, Dingen, die mir sinnlos und unverständlich erschienen, auf den Grund zu gehen.
Meine Erziehung war eher chaotisch (viel zu viele Menschen auf viel zu engem Raum) und mütterlicherseits sehr bigott. Ich besuchte die Hauptschule mit sehr gutem Erfolg, arbeitete dann ein Jahr in einem Kindergarten, um
mich auf einen Kindergärtnerinnen – oder Lehrerinnenberuf vorzubereiten.
Tatsächlich aber wollte ich etwas "lernen". Stieg deshalb nach diesem Jahr in die fünfte Klasse
Frauenoberschule in Wiener Neustadt um und war dann doch zu faul, um diese Hürde zu nehmen.
Das Jahr endete mit einem "Nachzipf" in Mathematik und anschließend machte ich ein Jahr Werbefachschule in Wien.
Ich begann als Schaufenstergestalterin zu arbeiten, anschließend im Kunstgewerbe(Emailmalerei). Damals zeigte sich bereits(wie meine frühen Gedichte zeigen), daß ich bei allem Galgenhumor an den
Dumm- und Herzlosigkeiten meiner Umwelt litt.
1964 starb mein geliebter Vater 65jährig und ich wurde sehr depressiv. Nach einem einjährigen "Zwischenspiel" in der Lokalredaktion der AZ (siehe erstes
Weihnachtsgedicht) konnte ich mich ziemlich erfolgreich bei "EVERTS-Alphabet", einem noch sehr auf Handarbeit beschränkten Vorläufer des heutigen Fotosatzes bewähren.
Nach einem
herrlichen Urlaub am Meer hatte ich plötzlich das Gefühl, - nein die Gewissheit, - alles zu durchschauen und für alles eine Lösung zu wissen. Das war auch die Zeit, als ich Sie Herr Doktor, angerufen habe (ich
habe Sie immer schon als intelligentestes Produkt Österreichs und Ersatzvater betrachtet).
Ich fühlte mich zu etwas Besonderem berufen. Von nun an ging's bergab. Ich wurde intensiv
psychiatriert(12 Elektroschocks, schwere Psychopharmaka) anschließend Kündigung und schwer- ste Depression.
Mein weiterer Werdegang wurde immer wieder von psychiatrischen Behandlungen unterbrochen.
Zwischendurch arbeitete ich im Fotosatz bei "Graphostil", anschließend als Entwurfszeichnerin für Computerformulare bei "Paragon". Meine "Steinhofzeit" dauerte, jeweils mit Unter-
brechungen von 1970 bis 1981.
Jetzt hat man mir nach intensivem Bitten das Lithium verordnet. Seither bin ich "schubfrei".
Meine Diagnose lautet:
"Manisch - Depressiv und paranoide Schizophrenie"
Seit sechs Jahren bin ich wegen "Persönlichkeitsveränderung" in Frühpension und stehe seither "am Rande
der Gesellschaft".
Nun zu dem Grund der für mich so wichtigen Aktion:
Ich sende Ihnen hier meine Gedichte und Aphorismen. Da ich male und meine Gefühle am besten in Farben ausdrücken
kann, möchte ich aus Texten und Bildern ein Buch zusammenstellen. Tatsächlich hätte ich niemals das Geld, und auch nicht die nötige Unterstützung bei einem Verlag, um ein doch sehr teures Projekt durchzubringen. Mir
fehlt es auch noch an dem nötigen Bildma- terial, das ich aber während der kommenden zwei Sommermonate zusammenzustellen beabsichtige.
Es gibt schon verschiedene Interessenten. Aber im Vertrauen auf etwaige Ratschläge
und etwas Promotion wende ich mich jetzt an Sie. Ich wäre dankbar, wenn Sie mir noch vor Ihrem Urlaubs- antritt, von dem ich sehr hoffe, daß er Ihre Genesung weiter fördere, Ihre Reaktion mitteilen möchten, damit ich
mich in Ruhe an meine Arbeit machen kann.